Pressestimmen: Vom Aufbruch in die Moderne

„Tenöre wie im Klangteppich verwoben“

Die Melanchthon-Kantorei verband sehr ambitioniert Musik und Lyrik der Moderne miteinander

12.07.2010 / Lokales

Von Carsten Marc Pfeffer

„Die schwarze Qual ist ausgetrunken“. Unter dem Titel „Vom Aufbruch in die Moderne“ präsentierte die Kantorei der Melanchthonkirche ein ambitioniertes Chorkonzert, bei dem Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann zu Wort kamen, rezitiert von einer einfühlsamen Veronika Nickl.

Mit zwei Ableitungen konnte Ludwig Kaiser die musikalischen Bezüge zur Moderne aufweisen. Im Zentrum des Konzertes stand das Lamm Gottes: „Agnus Dei“, einmal in der Version von Samuel Barber (1910-1981) sowie in der Vertonung des zeitgenössischen Komponisten Krzysztof Penderecki (*1933). Mit der Sopranistin Christine Alexander konnte eine Sängerin gewonnen werden, die vor allem bei Barber die entscheidenden Akzente setzte.

Die gut besuchte Veranstaltung begann mit Felix Mendelssohn Bartholdys „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die prächtige Vokalentfaltung des Crescendo stimmte auf die hohe Qualität des Konzertes ein. Die Kantorei an der Melanchthonkirche gehört mittlerweile zu den profiliertesten Chören der Stadt. Faszinierend welche musikalischen Experimente möglich geworden sind.

Samuel Barbers „Agnus Dei“ erwies sich als ausgesprochen wirkungsvoll. Das schrille „nobis pacem“ Christine Alexanders entrückte für Taktlängen bei aller Ernsthaftigkeit. Zauberhaft. Ebenso die intermittierenden Poesie-Passagen Veronika Nickls. Der Einbruch der Moderne: ein somnambules „Dunkles zu sagen“. – Ingeborg Bachmanns Worte gingen weit über das Sagbare hinaus. Immer wieder klang ein unsagbar Drittes zwischen den Zeilen hervor. Mit geschärften Sinnen ging es in die zweite Programmhälfte.

Johann Sebastian Bachs doppelchörige Motette „Singet dem Herrn ein neue Lied“, klang kräftig durch das Labyrinth der schalldurchlässigen Paravents. Die Partitur schien wie eine Vorahnung einer kafkaesken Verschränkung. So untypisch für Bach; so genial angelegt für das folgende „Agnus Dei“ von Krzysztof Penderecki. Die Tenöre wie im Klangteppich verwoben, so zog sich das Chorwerk in weiten Kreisbewegungen auseinander und offenbarte gleichsam einen metallenen Schimmer. Beim Ausklang vermeinte man, ein Delay zu hören. Großartig.

Entsprechend groß der abschließende Applaus des Publikums an der Königsallee. Solche anspruchsvollen Konzerte, die sich nicht vor der Moderne verschließen, sondern einen versöhnenden Umgang mit ihr pflegen, verdankt das Publikum vor allem dem Engagement Ludwig Kaisers. Immer wieder gelingt es dem Kantor zu überraschen. Immer wieder ist es die Brillanz, die aus seinem Mut erwächst. Ein Local Hero – ohne Zweifel.